Wie Ari Möbel zerfetzt und seine Besitzer unterhält

Ari ist 10 Monate alt, wenn er vorgestellt wird. Ein hübscher stattlicher Golden Retriever, der keine 10 Sekunden lang still sitzt.
Anfänglich fanden es Herr und Frau M ganz lustig, der kleine Welpe spielte unaufhörlich, fiel dann irgendwann erschöpf hin und schlief dann einige Stunden fest. Er frass solange es etwas gab und schleppte es durch die ganze Wohnung, sobald er abgelenkt wurde. Beim Trinken durchnässte er das ganze Wohnzimmer. Dann wurde der Hund immer grösser und schwerer, sprang aber weiterhin auf alle Leute, die ihm begegneten, leckte aller Kinder ab und zog so stark an der Leine, dass ihn Frau M um die Taille binden musste, um ihren Arm zu schonen.
In der Wohnung war nichts sicher vor ihm, vor allem, wenn sich Herr und Frau M einige Zeit Erholung beim Shopping leisteten. Das erste Mal waren sie sehr erschrocken: Ari hatte die Möbel verschoben, an den Vorhängen gerissen, die Teppiche verbissen und einige Schuhe zerkaut. Alles obwohl er seine Spielsachen zur Verfügung hatte und sogar etwas zum Fressen.
Mittlerweile geht Frau M nur noch kurz mit dem Hund raus, aus Angst sie falle in der Nachbarschaft negativ auf.
In der Praxis hechelt Ari unaufhörlich und kreist im Zimmer rum. Erst nach Dreiviertelstunden legt er sich hin.
Bei der Befragung woher er komme, antworten die Besitzer, er sei von einer Zucht auf dem Lande, wunderschön ruhig und abseits. Die Hündin hätte zehn Welpen geboren und sei recht überfordert gewesen.
Dies gibt schon ein Anhaltspunkt. Zehn Welpen sind in der Regel zu viel für eine Hündin, da braucht es schon Hilfe von einer zweiten Hündin, damit all diese wilden kleinen Kerle richtig erzogen werden.
Bei Ari steht fest, dass er zu kurz kam, und nicht lernte wie man stoppt. Und zwar jede Handlung. Er weiss nicht, dass nach einer gewissen Zeit Ruhe einkehren soll. Er hat nicht gelernt, dass die Energie eingeteilt wird, und spielt eben bis er umfällt.
Dies kommt davon, dass seine Mutter wahrscheinlich nicht dazu kam, alle Welpen in ihrem Spiel zu kontrollieren und zu erziehen. Denn im Spiel lernt jedes Tier, wie man sich im erwachsenen Leben zu verhalten hat.
Wird diese Grundkenntnis dem Gehirn entzogen, ist es danach schwierig dies nach zu holen. Unmöglich aber nicht.
In der Tat wird jetzt Ari mit einem Psychopharmakon unterstürzt, damit ihn seine Besitzer erziehen können. Denn ohne Hilfsmittel wird es zum Machtkampf, und dies ist für alle Beteiligten anstrengend und extrem mühsam, führt zuletzt oft zu Enttäuschung und Verzicht.
Nach drei Wochen zeigen sich schon die ersten Erfolge. Ari ist aufmerksamer, er setzt sich und schaut seine Besitzer bis zu 10 Sekunden an, ohne sich zu bewegen, was vorher undenkbar gewesen wäre.
Er ist besser abrufbar und zieht etwas weniger an der Leine.
Es gibt noch viel Arbeit für Herr und Frau M, die jetzt wissen, dass, was bis 16 Wochen nicht gelernt ist, lange und repetiert eingepfercht werden muss.
Sie sind aber frohen Mutes, denn Ari lernt jeden Tag etwas dazu, auch dank dem Medikament, das abgesetzt wird, sobald Ari sich anhalten und sich entspannen kann.
 
 
Dr. med. vet. Dounya Reiwald

 

 

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