Allesfresser

Sie springt unentwegt hoch. Immer wieder versucht sie es auf den Tisch zu gelangen, wo ich meine Belohnungen verstaue. Die Besitzer sagen „stopp“, rufen „jetzt reicht‘s!“, nichts hilft, die spanische Wasserhündin ist nicht zu bremsen in ihrer Gier, sie hält die Leckerlis im Auge und geht, sobald ich sie nicht anschaue wieder drauf los.

„Es sei eine Katastrophe, jetzt wo im Freien viel grilliert und gepicknickt werde“. Samira, die Wasserhündin, kennt dann keine Rücksicht. Und sie gehorcht auch nicht mehr, wo sie doch sonst so eine liebe, herzige und folgsame Kameradin sei.

In der Tat ist Samira sehr hübsch, ihre langgezogene Schnauze ist fein, und die hellbraunen Haare sind unglaublich weich beim Berühren. Sie läuft in der Praxis rum und schnüffelt ergiebig.

Eigentlich sei sie ein idealer Hund, aber eben, das verfressene Verhalten führe sie manchmal zur Verzweiflung. Gerade gestern seien sie auf dem Spaziergang einer Schule begegnet, wo einige Kinder ein Brötchen in der Hand hielten und Samira sei auf sie los gerannt, hätte sie erschreckt und einem Kind das Brot aus der Hand gerissen. Es sei niemandem etwas passiert, aber so peinlich war es ihnen noch nie gewesen.

Samira ist dann wie in einer anderen Welt, sie hört ihre Besitzer gar nicht und kommt beim Rufen nicht zurück, wie sie es sonst tut.

Es gibt verschiedene Übungen die man den Besitzern beibringen kann, so dass der Hund in gegebenen Situationen ein bestimmtes Verhalten zeigt. Vieles basiert auf der Konditionierung nach Pavlov, dieser geniale Russe, der herausfand, dass ein Hund beim Anblick von Fleisch und gleichzeitigem Glockenspiel speichelt, nach einer gewissen Zeit aber nur das Glockenspiel zum Speicheln anregt, weil es mit dem Fleisch verknüpft wurde.

Samira ist sehr klug, sie versteht Befehle schnell und lernt blitzartig, weshalb wir uns als Menschen anstrengen müssen, um die Übungen an sie anzupassen. Wir werden mit einer Übung anfangen, wo das gestohlene Fressen mit Frust verbunden wird. Sehr schnell musste festgestellt werden, dass Samira zu schnell reagiert und die Verknüpfung nicht stattfindet. Deshalb mussten wir auf eine unangenehme Verknüpfung bauen, mit Hilfe von Lärm.

Nach zwanzig Mal üben, war der Lärm eines herunterfallenden Metalstückes mit dem lauten „Pfui“ verknüpf und nicht mehr nötig. Das „Pfui“ reichte, um Samira den Kopf heben zu lassen, beim Anblick des Käses, der am Boden lag, ohne ihn zu berühren.

Sehr zusammenreissen mussten wir uns aber, um dem traurigen, verständnislosen Blick der Hündin nicht nach zu geben, und Samira erst nach einigen Sekunden grosszügig zu belohnen

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