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Kurzgeschichten über unsere besten Freunde von D. Reiwald

Das Boot ist immer voll

Der kleine schwarz-weisse Terrier mit dem schwarzen Ohr schaut erschrocken auf alle Seiten. Seit Tagen sind überall Knallereien im Gang, dass es ihm fast die Ohren platzen lässt. Sein Frauchen ist verschwunden, er schaut besser und entdeckt ihren Geruch, doch als er sich nähert liegt sie vor ihm und bewegt sich nicht. Das findet er jetzt gar nicht lustig, tot zu spielen, wenn es überall chlöpft. Doch nach einigen Sekunden wird ihm klar, Mami steht nicht mehr auf, was nun?

Er schaut sich wieder um, und sieht wie sich die Menschenmasse Richtung Hafen bewegt. Dann entdeckt er in der Menschenmasse einen Artgenossen und läuft eilig zu ihm. Der Schäfer aber ist kurz an der Leine und knurrt ihn an, sobald er zu nahe kommt, also bleibt er auf Distanz.

Bald sind die grossen Schiffe sichtbar, der Terrier mag sie nicht besonders, es wird einem höchstens schlecht darauf, aber daran denkt er jetzt nicht, im Moment will er nur, wie alle anderen scheinbar auch, dieser Knallerei entkommen.

Die Menge wird immer enger und bald sieht der Terrier nichts mehr als Menschenbeine. Er muss sehr aufpassen, um nicht getreten zu werden, die Zweibeiner scheinen etwas hysterisch zu sein. Viele schreien und verängstigen den kleinen Hund, doch er kann jetzt nicht mehr zurück, die Masse zieht ihn mit.

Etwas später spürt er wie er sich auf dem Boot befindet, mehr Platz gibt es nicht, und einige Menschen setzen sich jetzt und betrachten ihn erstaunt. Ein Mann packt ihn dann auch und hebt in über das Wasser, was ihn so verängstigt, dass er zappelt und beissen möchte, doch eine Frau schreit und reist ihn zurück an Bord.

Hechelnd bleibt er neben ihr stehen, sieht sich auch immer wieder um, keiner packt mich mehr, verdammt! Die Frau nimmt ein Stück Brot und etwas Käse aus einem Beutel und der Terrier schaut sie an, während sie es verzehrt. Die Bomben sind jetzt nicht mehr zu hören, nur das Rauschen des Wassers, das gegen das Boot prallt, das Reden der Menschen und das Schmatzen der Frau.

Da beruhigt sich der Terrier und legt sich hin, doch ein Tritt lässt ihn wieder aufstehen. Die Frau schreit, setzt sich breit hin und nimmt ihn auf den Schoss. Sie streichelt sein schwarzes Ohr und er schläft ein.

Plötzlich wacht er auf, er liegt auf dem Boden und es stürmt furchtbar. Der Schoss der Frau ist verschwunden, die Leute sind stumm und nur der furiose Wind weht allen um die Ohren. Der Terrier hat Mühe auf den Beinen zu bleiben, und stürzt hin.

Als er wieder erwacht, ist es dunkel und es schaukelt nicht mehr. Er liegt auf etwas Hartem und hört tiefe Stimmen:“ Der gehört nicht zu uns, hat womöglich sogar Tollwut, diese Frau kann eh nicht bleiben.“ In einer Ecke entdeckt er die Frau dessen Schoss so weich war. „Entweder sie steigen beide gleich wieder auf das Boot, oder ich euthanasiere den Kleinen hier gleich. Sag ihr das.“ Die Frau fängt an zu gestikulieren und zu weinen, sie würde eine zweite solche Überfahrt nicht überleben, ihr Herz, ihre Nerven. Die tiefe Stimme kommt auf ihn zu mit einer grossen Spritze. Das kennt der Terrier aber und hat nicht vor sich das nochmals bieten zu lassen, er packt den Arm und beisst so fest er kann zu, der Arm zieht sich zurück und er springt auf den Boden, zur Tür und in einen langen Gang. Jetzt springen ihm die Frau und ein Mann nach, und er knurrt alle an, die ihm näher kommen wollen. Die Frau öffnet eine Tür und beide laufen auf die Strasse.

Am nächsten Tag sitzt auf der Piazza dei quattro Mori in Livorno eine nicht ganz junge schwarze Frau mit einem süssen Terrier in einem Hauseingang. Auf ihrer schmutzigen Kartontaffel steht: „Es ist nicht meine Schuld, wenn wir hier sind, solange ihr eure Wirtschaft so unterstützt, ist bei mir Krieg, gebt uns etwas Geld.“

 Der kleine Terrier spitzt sein schwarzes Ohr bei jeder Münze die in den langen Rock der Frau fällt.

Glück im Unglück

Der Thermometer zeigte minus 5, als ich die kleine Hauskatze vor der Garage finde

Ein wunderbarer Abend, alles ist weiss und gefroren, kein Pflotch wie normalerweise in dieser Jahreszeit. Die Bäume sind silbrig verkleidet, das Gras unter dem weissen Teppich versteckt und kein Ton zu hören. Ich gehe wie jeden Abend den Kompost leeren, neben der Garage vor dem Haus und entdecke dort eine Kartonschachtel. Ob mir jemand ein Geschenk hingelegt hat?

Der Deckel lässt sich leicht entfernen und ich bin nicht wenig erstaunt eine kleine Katze, in sich gerollt, der kleine Kopf kaum sichtbar, auf einer dünnen Stoffdecke, zu finden. Das Tier macht das einzig Mögliche in dieser heiklen Situation, probiert mit dem Körperkatabolismus zu tief wie möglich runter zu fahren, da es sich nicht bewegen kann, sprich eingesperrt ist in dieser Schachtel bei dieser eisigen Temperatur: es schläft und spart somit so viel Energie wie möglich.

Sobald ich hineingreife wird sie aber munter, ist keineswegs verängstigt und fängt sofort an zu schnurren. Ich stelle fest, dass sie abgemagert ist und sehr anhänglich. Soll ich sie jetzt mit ins Haus nehmen? Meine anderen Katzen werden das nicht begrüssen, und umziehen werden wir auch bald, also keine gute Idee, denn ich weiss auch ganz genau, sobald dieses Tier meine Türschwelle betritt, werde ich sie nicht mehr los, ganz abgesehen davon, dass ich Tiere sehr schnell ins Herz schliesse…

Also was tun? Ich rufe den Tierrettungsdienst an, kann aber um diese späte Zeit niemanden erreichen, entscheide also doch die Kätzin, die natürlich keinen Chip trägt und massiv Ohrenmilben hat, hinein zu nehmen, damit sie nicht vor meinen Augen erfrieren muss.

Dann rufe ich meine Freundin an, die eine Tierpension leitet und frage sie, ob das Kätzlein, das, den Zähnen nach, sicher älter ist als sieben Jahre, bei ihr vorübergehend aufgenommen werden kann.

Ich kann meine Entrüstung jetzt auch nicht mehr zurück halten und sage ihr, wie furchtbar ein Mensch doch sein muss, um ein Tier bei dieser Kälte auszusetzen, in einer Kartonschachtel mit einer dünnen Decke und ein Paar Trockenfutterteilchen. Was denken sich die Leute nur?

Zum Glück ist meine Freundin sofort bereit die Kätzin aufzunehmen, und ein elender Tod in dieser von elenden Toden nur so wimmelnden Welt ist vermieden worden.

 

Nach einer Woche ruft mich meine Freundin an und berichtet, die Katze hätte ein neues Zuhause, eine ältere Frau, deren langjährige vierbeinige Begleiterin gestorben sei, hätte sie adoptiert.

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